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Sozialarbeit in Nord-Bosnien
Als Ende 1992 die Spannungen zwischen Serben und Kroaten zu schrecklichen kriegerischen Auseinandersetzungen führten, hatte ich die ersten Begegnungen in Zagreb und in einem Flüchtlingslager. Während der 3 Kriegsjahre knüpfte ich in Friedensnetzwerken hier und auf dem Balkan Kontakte und lernte nach Abschluß des Vertrags von Dayton die Frauen von Krajiska Suza (Tränen der Krajna) kennen. Das ist eine Gruppe von Frauen, die aus dem Nordbosnischen Gebiet nach Zentral Bosnien geflüchtet waren. Dort versuchten sie, in Gesprächen sich auszuweinen und durch gemeinsam Handarbeiten zu machen, ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. Die Gruppe zog nach einiger Zeit in ihre Heimatregion zurück. Sie wollten etwas Sinnvolles tun z.B. alten Menschen, die allein in ihren Dörfern zurückgeblieben waren, zu helfen. Unterstützt wurden sie durch den CFD(Christlicher Friedensdienst) aus der Schweiz und die schweizer Entwicklungshilfe. Es wurde eine qualifizierte Ausbildung zur Altenpflegerin in der Schweiz organisiert sowie eine Supervision, die auch heute auf Wunsch noch möglich ist.
Jede Frau hat in ihrem Wohnumfeld einige alte Menschen zu versorgen und über jeden einzelnen ein Versorgungsbuch zu führen. Die Zentrale ist in Sanski Most, eine Stadt mit etwa 70 000 Einwohnern.
Das Haus hat vor Jahren eine Bekannte aus Bremen gekauft und dem Projekt zur Verfügung gestellt. In dem Haus ist ein Aufenthaltsraum, wohin täglich einige alte Menschen aus der Stadt kommen um sich auszutauschen, schon mal zu kochen, Handarbeiten zu machen oder einen Rat zu holen. Es gibt dort eine kleine Ambulanz mit einer Krankenschwester, die die medikamentöse Versorgung überwacht. Auch ein Badezimmer, wo die Alten regelmäßig gebadet und neu eingekleidet werden, steht zur Verfügung.Es handelt sich hier um die ärmsten Menschen aus der Gegend von Sanski Most.
Von 2002 bis 2005 wurde mithilfe einer Schwedischen Organisation ein Raum in der oberen Etage speziell für behinderte Kinder eingerichtet, eine arbeitslose Lehrerin eingestellt sowie ein Logopäde, der regelmäßig mit den Kindern arbeiten konnte.So entstand für mehrere behinderte und unterentwickelte Kinder eine Tagesstätte. Als die finanzielle Unterstützung nach 2 Jahren eingestellt wurde, führten die Betreuerinnen von K.S. das Projekt in eigener Regie noch ein Jahr weiter. Als dann die Lehrerin nach Frankreich zog, mußte diese Tagesstätte geschlossen werden. Behinderte Kinder leben völlig isoliert zuhause, für Sondermaßnahmen ist kein Geld vorhanden, und die Eltern schämen sich oft. Auch aus der Schweiz kommt nur noch weinig finanzielle Unterstützung.
Zu „Krajiska Suza“ aber kommen all die Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht mehr weiter wissen und nirgends Hilfe finden. So hatten Frauen in der Schweiz, und seit 2002 Freundinnen mit mir zusammen, für einige Waisenkinder, die von Nachbarn, Großmüttern oder Tanten auf der Flucht mitgenommen worden waren, monatlich etwas Geld geschickt, damit sie Schuhe, Schulbücher und Busgeld für den Schulbesuch hatten. Inzwischen sind diese Kinder erwachsen geworden, sind aber leider fast alle arbeitslos und ohne Lebensperspektive. Die Gesamtstimmung in Bosnien ist ausgesprochen depressiv.
Sanski Most ist größtenteils durch Auslandbosnier sehr schön aufgebaut worden. Von Mai bis Oktober kann jeder auf einem Bau jobben, danach gibt es so gut wie keine Arbeitsmöglichkeit mehr. Eine geregelte Arbeit ist kaum vorhanden, es fehlt an Investtitionen. Es stehen viele schöne Häuser, nur wenige Monate im Jahr von jemandem aus dem Ausland bewohnt, aus Sehnsucht nach der Heimat. Sie kommen u.a.aus Österreich, Australien, USA, Canada. Menschen vom Balkan sind besonders heimatverbunden.
Was tue ich? Ich liebe die Menschen, habe ihre Schmerzen und das Entsetzen über so viel Hass teilweise während ihrer Exilzeit in Hagen mit durchlebt, und ich bedauere die Lähmung aus Hilfslosigkeit, die bei vielen heute noch vorhanden ist. Bosnien ist ein unverstandenes, ein vergessenes Land. Es gibt liebenswürdige, starke Menschen und viele kleine Initiativen Aber jeder Optimismus mündet irgendwann in Frustration, wenn nach 15 Jahre keine gesellschaftliche Stabilität zu spüren ist.
Altenpflege bzw. Geriatrie sind völlig neu in Bosnien. Traditionell wurden alte Menschen in ihrer Familie gepflegt, dafür war der Staat nicht zuständig.
Das Team von K.S. engagiert sich in der ambulanten Pflege und kämpft um eine staatliche Unterstützung. Die Kriegswunden meiner Freundinnen im Team sind mittlerweile gesundheitlich deutlich spürbar geworden, sie brauchen zuverlässige Mithilfe.
Wir träumen von einem Pilotprojekt, einer Tagesstätte für behinderte Kinder für den Kreis Sanski Most, damit diese individuell gefördert werden können, aber auch gleichzeitig die Mütter den Umgang mit ihren Kindern erlernen und dabei mehr Selbstbewußtsein entwickeln.
Durch Ausbildung zur Betreuung der Kinder und eine bessere Bezahlung von ausgebildeten Altenpflegerinnen hoffen wir, junge arbeitslose Frauen (und die gibt es viele!) für diese sozialen Tätigkeiten zu interessieren.
Außerdem wird eine Art „Sozialfonds“ benötigt, um alle zusätzlichen Aufgaben (die jetzt vielfach von den Frauen nebenbei übernommen werden) einigermaßen zu erfüllen.
Ich würde gerne einen verlässlichen Freundeskreis aufbauen und mit anderen überlegen, wie sich die Arbeit dort weiter entwickeln könnte und die Frauen eine bessere Unterstützung für ihre langjährige engagierte Arbeit erhalten.
Kontakt:
Netty Müller-Grosse
Schwarzer Weg 9, 58739 Wickede/Ruhr
Tel.: 02377/2563
eMail: mueller-grosse(at)t-online.de



