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"Sozialseminare unterwegs nach Bulgarien"
Auf dem Weg in ein gemeinsames Europa
Reisebericht von Ute Guckes, Oktober 2009
Bulgarien?
Finsterster Balkan, korrupt, Armenhaus der EU – das sind die gängigen Vorurteile über Bulgarien, die man bei uns hören kann. Eine 16-köpfige Studiengruppe war vom 11.-18. Oktober mit dem Verein Evangelischer Sozialseminare dort unterwegs, um selbst zu sehen, wie es im neuesten EU-Beitrittsland aussieht.
Geführt und begleitet wurden wir von Dr. Ivaylo, gen. Ivo, Naydenov, Professor für Altes Testament und Hebräisch an der orthodoxen Fakultät in Sofia, der uns in fließendem Deutsch nicht nur alles erläuterte, was wir wissen wollten, sondern auch auf sehr charmante Weise seine Heimat nahe brachte.
Wir landeten in Sofia und hatten Gelegenheit, bei einem Stadtrundgang durch die Innenstadt die alte Kultur dieser Stadt kennen zu lernen. Der Kern dieser 1,8-Millionenstadt mit vielen sozialistischen Plattenhochhäusern - z.T. renoviert, z.T. derelikt - ist alt, beginnend mit einer Rotunde, einem Überrest aus der römischen Provinz Serdica, hin zu den orthodoxen Kirchen, dem Parlament und der Uni aus dem 19. Jahrhundert.
Kirche, Synagoge (die drittgrößte Europas) und Moschee stehen nahe beieinander. Bulgarien hat seine jüdischen Einwohner nicht an Hitler ausgeliefert, dafür hat die orthodoxe Kirche gesorgt. Natürlich hat der sozialistische Zuckerbäckerstil auch seine Spuren hinterlassen in den Regierungsgebäuden.
Neben Sofia, der Hauptstadt des 3. Bulgarischen Reiches, seit der sog. Wiedergeburt 1879, der Befreiung vom osmanischen Joch, haben wir auch die Hauptstadt des zweiten bulgarischen Reiches, von 1185 bis zur Eroberung durch die Osmanen 1393, Veliko Tarnovo, kennengelernt. Eine Stadt, die in den Mäandern des Flusses Jantra erbaut, sich über die Steilhänge der Ufer erstreckt, und sich, was von Wein überwachsene malerische Terrassen und Winkel angeht, mit Italien oder Griechenland jederzeit messen kann. Auf dem Hügel Zarevez liegt die Festung, von der aus die Bojaren Peter und Asen im 12. Jahrhundert gegen Byzanz kämpften. Und hier wurde die Verfassung des dritten bulgarischen Reiches 1879 verabschiedet.
Die Hauptstadt des ersten Reiches , Velki Preslav, 893 vom Zaren Simeon Preslav zu seinem neuen Königssitz gemacht, liegt weiter östlich und daher leider nicht auf unserer Reiseroute.
Dafür besuchten wir Plovdiv, erbaut auf sieben Hügeln wie Rom, mit einem antiken Theater mit Ausblick auf das Rhodopengebirge (in den Rhodopen sollen die besten Sänger Bulgariens leben, der Legende nach lebte Orpheus hier) im Süden und das Balkangebirge im Norden, mit einem alten Stadtkern im Architekturstil der Zeit der Wiedergeburt, also nach den 1880er Jahren.
Und ganz im Süden, nahe der griechischen Grenze besuchten wir auch die nicht nur wärmste Stadt Bulgariens, Sandanski, auf halber Strecke zwischen Sofia und Thessaloniki, sondern auch eine der ältesten: Bereits zur Zeit des trojanischen Krieges gab es hier eine Siedlung. Der thrakische Sklave und Gladiator Spartacus wurde hier geboren.
Von der Geschichte und vom Selbstverständnis her fühlen sich die Bulgaren mit dieser Vergangenheit als Europäer, zumal von diesem Gebiet aus die Christianisierung Osteuropas ausging und die kyrillische Schrift von hier aus verbreitet wurde. Die ersten Missionare im slavischen Osteuropa, Kyrill und Method, von Hause aus griechisch-bulgarisch sozusagen, in Thessaloniki geboren, in Konstantinopel ausgebildet, zogen von hier aus nach Russland und verbreiteten das Christentum in Osteuropa.
Die starke religiöse Tradition der orthodoxen Kirche übt noch heute einen wichtigen Einfluss aus. 86 % der Bulgaren gehören der bulgarischen orthodoxen Kirche an, nur 13 % sind Muslime. (Das erklärt sich daher, dass nach den Zeiten der osmanischen Besetzung jeder 10. Bulgare türkischstämmig ist). Die größten Sehenswürdigkeiten des Landes sind nicht Schlösser oder Burgen, sondern Klöster. Die Athos-Klöster in Nordgriechenland sind nicht weit. Beziehungen gehen hin und her.
Das wichtigste und prächtigste Kloster besichtigten wir gleich am ersten Tag: Rila, die Gründung des Eremiten und Heiligen St. Joan (Ivan) im Rilagebirge im Südwesten. Es ist ein wehrhaftes Kloster mit hohen Außenmauern und einem Wehrturm, im Rila-Tal gelegen. Um die Kirche mit ihren Fresken herum erstreckt sich ein weiter Hof. Das Kloster beherbergte einmal 3-400 Mönche und Besucher. Heute sind es wenige, aber es kommen immer noch viele Gäste. Dauernd sehen wir Gruppen: Touristen, Mönche, Nonnen, die der Reliquie des Heiligen Joan ihre Ehrfurcht erweisen und an den Andachten teilnehmen. Auch wir nehmen an einer Andacht teil, die uns mit ihrem liturgischen Charakter, den vielen Sprechgesängen und Chorgesängen so fremd ist. Ebenso wie die Innenausstattung der Kirche mit ihren zahllosen Ikonen. Wir lernen die Grundelemente der Ikonostase, der Ikonenwand kennen, die den heiligen, unzugänglichen Altarbereich vom Kirchenraum trennt. Die biblischen Szenen in den Malereien und den Fresken an den Außenwänden sind uns dagegen vertrauter.
Ein weiteres Kloster sehen wir nahe Melnik im Pirin-Gebirge mit seinen bizarren Sandsteinpyramiden, in Sichtweite der Grenze nach Griechenland. Das Roshen-Kloster ist klein, nur zwei Mönche arbeiten noch dort: Der Abt und der Bischof der Gegend, beide unter 40 Jahren alt. Im Klosterhof reifen die köstlichsten Trauben. Wir bekommen aus einer großen Schale angeboten.
Später sehen wir noch das berühmte Trojan- Kloster am Nordrand des Balkangebirges, das eine wundertätige Mutter-Gottes-Ikone hat, zu der die Menschen pilgern. Die orthodoxe Frömmigkeit hat sich über die Zeiten hinweg behauptet.
Südlich von Sofia am Fuße des Vitoscha-Gebirges sehen wir die Bojana-Kirche, die in ihrem ersten Teil aus der Mitte des 10. Jahrhunderts stammt, wunderschöne kostbare Fresken aus den drei Phasen ihrer Nutzung hat und zum Unesco-Welt-Kulturerbe gehört. Sie ist nicht mehr aktiv, aber all die vielen anderen Kirchen, die wir sehen. Auch die kommunistische Zeit hat die Religiosität nicht auslöschen können.
Wir sehen jedoch trotz unseres theologischen Führers nicht nur Kirchliches. Südlich des Balkan-Gebirges erstreckt sich das sog. Rosental, in dem in riesigen Rosenfeldern die rosa Damascena seit dem 17. Jahrhundert angebaut wird, aus der das kostbare Rosenöl gewonnen
(3 kg Blüten ergeben 1 g Rosenöl) und zu Kosmetikprodukten verarbeitet wird.
Dieses Tal ist auch das Zentrum einer uralten Kultur: der Thraker, die im 4./3. vorchristlichen Jahrhundert hier siedelten und deren Gräber nach und nach ausgegraben werden. Wir konnten eine Ausgrabungsstelle besichtigen. Der berühmte Goldschatz ist natürlich längst im Museum.
Auch kulinarisch war die Reise ein Highlight. Wir haben köstlich gegessen und vor allem getrunken. Die bulgarischen Weine sind sehr gut und können es mit allen anderen aufnehmen. Und die Schnäpse erst, aus Wein, aus Pflaumen, Birnen und Corneelkirschen …
Besonders verwöhnt wurden wir in dem Städtchen Kalofer am Südrand des Balkan, nicht weit von Kazanlak, der Rosenstadt und dem berühmten Shipka-Pass entfernt, wo die entscheidenden Befreiungskämpfe gegen die Osmanen mit russischer Hilfe stattfanden. Auch hierbei haben die Mönche eine wichtige revolutionäre Rolle gespielt.
Dass wir gerade in Kalofer Station machten, lag daran, dass es die Heimat unseres Führers Ivo ist. Untergebracht waren wir dort z.T. privat, und wurden mit allem verwöhnt, was es Gutes gab. Beim festlichen Abschiedsessen machten er und seine Freunde Volksmusik mit Trommel und Dudelsäcken und wir tanzten dazu.
In Kalofer haben wir aber auch die dunkle Seite, die Problemseite des Landes deutlich sehen können. Die Fabriken aus der sozialistischen Zeit konnten nicht mehr existieren, die jungen Leute verlassen den Ort. Viele Häuser stehen leer oder werden nur teilweise bewohnt von den Alten. Viele verfallen inzwischen. Von den beiden Gymnasien existiert keins mehr. Die Bauern, die wunderbaren Schafskäse auf ihren Almen produzieren, können allein keinen Aufschwung bringen. Landwirtschaftlich wird für den Eigenverbrauch bzw. den örtlichen Markt produziert.
Eine junge Familie versucht ein touristisches Angebot aufzubauen. Es gelingt ihr nicht, die nötigen Arbeitskräfte zu gewinnen, obwohl es viel Arbeitslosigkeit gibt. Die Menschen trauen der Zukunft keine positive Entwicklung zu und sind daher nur schwer für neue Ideen zu begeistern. Sie werden deshalb auch nicht aktiv, sondern halten an ihren alten Traditionen fest. Sie sind von Natur aus misstrauisch, sagt unser Führer. Zu tief sitzt die jahrhunderte lange Erfahrung der Fremdbestimmung, erst der osmanischen, dann der sozialistischen.
So lässt der wirtschaftliche Aufschwung noch auf sich warten und die Menschen leiden unter der Armut. Ein Lehrer z.B. verdient 200-300 € im Monat. Die Alten können von ihren Renten kaum leben. Die EU hat mit ihren Bestimmungen die Produktion auch nicht erleichtert. Noch gelten für Inlandprodukte nicht die EU-Normen, sondern nur für den Export, den es nur sehr partiell (z.B. Rosenöl) gibt.
Vielleicht war der Beitritt zu früh, hören wir. Die Menschen spüren keine Verbesserung ihrer Lage. Die EU hat ihnen bisher nichts Positives gebracht und ist sehr fern. Sie sind Bulgaren.
Dass aber Bulgarien ein Teil von Europa ist und immer sein wird, steht ihnen – und nach dieser Reise auch uns - außer Zweifel.


