Marianne Brenzel
Freya Deiting

Else Ury: "Begabt zum Glücklichsein"

„Begabt zum Glücklichsein, ließ sie unglücklich sein einfach nicht an sich heran.“ – Else Ury

So charakterisiert Marianne Brentzel die bekannte Nesthäkchen-Autorin. Ihre Bücher waren vor dem zweiten Weltkrieg weit verbreitet. Eine Auflage von fast sieben Millionen Büchern konnten die Mädchenbücher seit den 20er Jahren für sich verbuchen. Auch später gab es sie wieder. Von den Nazis und in der DDR waren sie verboten. In den 80er Jahren kamen Verfilmungen der Bücher heraus und zogen viele Menschen in ihren Bann.

Über Else Ury allerdings war lange Zeit nur wenig bekannt. Die wenigsten Menschen wussten, dass sie Jüdin war. Marianne Brentzel aus Dortmund hat ihre Geschichte wieder ausgegraben. Eine Radiosendung hatte sie aufmerksam gemacht. Sie fing an zu forschen und wurde zur Ury-Spezialistin. 1992 erschien die erste Ury-Biographie, 2007 eine überarbeitete Ausgabe.

Am Dienstag, den 9. März 2010 war Marianne Brenztel im Frauensalon in Unna-Königsborn und ließ Else Ury lebendig werden. Es gelang ihr hervorragend, die gut 60 Gäste im Salon in den Bann zu ziehen. Entrückt in eine Welt um die Jahrhundertwende, im ersten Weltkrieg, in die Weimarer Republik und schließlich bis zur Nazizeit, der Verfolgung der Jüdin Else Ury und schließlich ihrem Tod am 13. Januar 1943 in Auschwitz.

Else Ury wurde am 1. November 1877 geboren und wuchs in Berlin in einer gut situierten und angesehenen jüdischen Familie auf. Auf der Königlichen Luisenschule wurde sie in ihre Aufgaben und Pflichten als Mädchen und Frau eingeführt. Sie lernte neben alltäglichen Hausarbeiten auch, wie man einen Hofknicks machte, um den Kaiser zu begrüßen. Nach dem Schulabschluss lernte sie zu Hause Hauswirtschaft und wurde in die Gesellschaft eingeführt. Sie lebte mit ihrer Mutter zusammen, teilweise auch mit einem oder zwei Brüdern und blieb unverheiratet.

Mit 28 Jahren erschien ihr erstes von insgesamt 38 Büchern, davon 10 Nesthäkchen-Bände. Die Geschichte der Annemarie Braun, bekannt als Nesthäkchen, beschreibt das Leben eines blonden, immer munteren Mädchens mit Puppen bis hin zur weißhaarigen Großmutter. Bekannt geworden sind vor allem 9 Bände der Nesthäkchen-Reihe. Das Buch „Nesthäkchen und der Weltkrieg“, das das Leben während des 1. Weltkrieges beschreibt, ist nur noch antiquarisch zu bekommen.

Nesthäkchen lebt ein typisches Frauenleben. Die Geschichte endet im letzten Band mit einem großen Happy-End. Anders als die Geschichte der Autorin. Sie machte mit ihren Jugendbüchern gute Geschäfte, legte das Geld klug an, so dass sie schließlich für sich und ihre Familie ein Haus im damaligen Krummhübel, dem heutigen Krapacz. Sie konnte ihre Schwester und deren Familie unterstützen.

Doch hatte ihre Geschichte kein Happy-end. Zu Beginn der Naziherrschaft sah Else Ury noch eine mögliche Zukunft mit Adolf Hitler. Scheinbar war die Wirtschaftskrise zu Ende und neuer Aufschwung blühte. Mit dieser Meinung war sie nicht allein. Die ersten Judenverfolgungen interpretierte sie als Aktionen gegen die wenig beliebten und nicht in die Gesellschaft integrierten Ostjuden. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie selbst und ihre Familie, verfolgt würden. Als ihr Bruder unter erniedrigenden Umständen um seine Zulassung als Anwalt bitten musste oder als sie selbst für sich und ihre alte und kranke Mutter die Pässe ändern lassen musste, weil jüdische Mädchen und Frauen den Namenszusatz „Sarah“ tragen mussten – sie erlebte das alles und konnte es scheinbar doch nicht wirklich in aller schrecklichen Konsequenz begreifen. Sie blieb bis zum Schluss optimistisch. Am 6. Januar 1943 kommt sie in die Deportationssammelstelle, nach 12 Tagen nach Auschwitz. Sie kam dort am 13. Januar an und wurde direkt in die Gaskammer geschickt.

Im September 1942 hatte sie ihr Testament aufgesetzt. Sie hatte ihre Bücher ihrem Neffen vermacht. Sie ging davon aus, dass das Naziregime bald vorbei sei und die Zukunft ein anderes Gesicht haben würde.

Die interessanten Informationen von Marianne Brentzel wurden von den virtuosen Geigenklängen Freya Deitings gerahmt und unterbrochen. Sie spielte u.a. Klezmermusik, aber auch die Titelmusik der Nesthäkchenfilme.